Was für ein Fest!

Am 12. Januar 2012 fand das Ende zum Anfang. In Daniel Zwissler’s Schmiede, dort, wo vor drei Jahren durch Richard Lehner der erste Rorschacher Schatz gehoben wurde, fand ein im wahrsten Sinne des Wortes fulminantes Abschlussfest statt.

Im Jahr 2011 hatte ich den zugespitzten Auftrag, der Suche nach immateriellen Schätzen nachzugehen, ergo landete ich bei den Menschen. :-) So sind alle menschlichen Schätze, die Schatzmelder, die Rorschach- Seismografen, Zaungäste, die Gegenlesenden und -liebenden, Mit- und Gegenspieler eingeladen worden, zum Abschluss durch das verbindende Element Schatzsuche an Zwisslers Esse noch etwas zu feiern. Ganz ehrlich, durch den parallelen Umzug meiner Familie 50m weiter nach Osten und die verstreuten Anmeldungen über die Festtage, habe ich mit einem Näherungswert von circa 45 Personen gerechnet. Es kamen etwa 1oo….

Es war das wohl wundersamste der kleinen Alltagswunder der Rorschacher Schatzsuche, dass a) alle Platz fanden in Zwisslers Schmiede, b) alle, die Gerstensuppe und Wienerli haben wollten etwas zu essen bekamen, c) genug Bier da war und Wein. D): Für Weib und Gesang sorgte der Corale St. Cecilia, der nach Daniele “Orfeo” Togni’s wunderschöner Ballade “die Bude” stürmte und Rorschach’s mythischen Mittelpunkt, die Schmiede in eine Dorfplatz mit  Tarantella verwickelte…. solche Momente gibt es nicht zu kaufen. Sie sind die wahren immateriellen Schätze eines Lebens. Für alle Laudationes, von Mark Riklin, meinen Kollegen Richard, Ronnie Ambauen als Vertretung der Stadt Rorschach, sowie für die wunderbaren Blumen möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Das Erlebnis war so einschneidend, dass ich zwei Tage lang ziemlich durch den Wind war und sogar den Lektorendienst in der Jugendkirche versemmelt habe…. Sorry, liebe Pfarrei, es war echt keine Absicht…

Die letzte Szene der Rorschacher Schatzsucher als städtische Angestellte ist, wie Samstags in der Zeitung stand, nun im Kasten. Danke Ruedi Hirtl, für deinen Besuch und die pointierte Berichterstattung im Tagblatt.

Die folgende Bilderserie,”Hoffotograf” Wolfgang Alberty aus Innsbruck, der mit seiner Freundin Claudia die weitest gereisten Gäste waren, stellte sie mir sehr verdankenswerterweise zur Verfügung, beginne ich mit dem Zitat des isländischen Dichters Matthias Johannessen, mit dem ich das Fest eröffnete:

“In der finsteren Tiefe

wohnen unsichtbare Menschen

-manches liegt unter dem Stein-

und die Stadt ist verschwunden,

jenes bewegte Atlantis ist verschwunden.”

Es ist anzunehmen, dass wir Menschen unsere sozialen Räume als Welt um uns und als Welt IN uns wahrnehmen. Rorschach ist ein Gebäudekomplex im Wandel, aber auch menschlicher Organismus- und wir haben eine eigene Vorstellung davon. Architekt

Ronnie Ambauen hat dies treffend (aus dem Gedächtnisprotokoll) in etwa so formuliert: Man kann sich um die städteplanerischen Belange kümmern, um sichtbare Bauten und Häuser. Doch diese müssen von Menschen beseelt werden, die zusammen leben.

So haben wir unseren Alltag, in dem sich das Sichtbare anfühlen kann, wie die finstere Tiefe in Johannessen’s Gedicht. Und dann haben Menschen ihren Stadtkörper im Kopf und im Herzen. Das ist Rorschach im Kopf. Hier ist unser Atlantis- Utopia. Auf diese Suche bin ich geschickt worden. Und letzten Donnerstag haben all diese Menschen, die an der Rorschacher Schatzsuche beteiligt waren gezeigt, dass, wenn man sich dem Augenblick hingibt, sich Atlantis/Utopia und der Alltag vereinen.

Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Das ist mein ganz persönlicher letzter Schatz der Hafenstadt.

Abschlussapéro an der Esse- oder besser gesagt, mit einer Gerstensuppe wurden die Rorschacher "Schatzsuchenationen" an einen Tisch geholt.

Die ersten Gäste treffen ein.

Ansprache der Schatzsucherin mit Assistentin Hannah und Schatz Nr.1 Gabriel.

Schätze mit einer Altersspanne von fast 100 Jahren: Franz Jacobi (hinten links) vorne Schatzsucherinmutter Hildegard, kritischste Artikelleserin :-)

Frei nach "Don Giovanni: Madamina, il catalogo è questo..." Der Leporello mit allen 2011 publizierten Schätzen.

 

Stadtrat Ronnie Ambauen beendet per Hammerschlag die 2. und letzte Amtszeit der städtisch angestellten Schatzsucher.

Orpheus singt in Rorschach: Daniele "Orfeo" Togni, Schatz Nr. 26.

Mark Riklin, Erfinder der Schatzsucheridee, bei seiner Laudatio

Ma dai, il coro! Eintreffen des Corale St. Cecilia...

Freudiges Staunen über den Andrang an "wohlgesinnten Geistern" bei Hexenmeister Riklin und Zauberlehrling Camenzind

Mit drei 10er- Hufnägeln hat alles begonnen... Richi überreicht Barbara seine erste Schatzsucheridee, mit der er damals die Ausschreibung gewonnen hatte. Amüsiert beobachtet von Stadtschreiber Bruno Seelos.

Marina, Marina, Marina... St. Cecilia rockt die Schmiede und löst den Italilianitaumel aus :-)

Rorschach in Zwissler's Schmiede: Im Vordergrund die kleinen Derwische der türkischen Gemeinde, dazu die italienischen Sänger inmitten von Schweizern, Österreichern, Bosniern und Fahrenden...

Bad in der Menge mit charmantem Grinsen: Hausherr Daniel Zwissler....

Bacione für Maestro Claudio Ambrosi: Im Chor der Angekommenen gibt es nicht nur gute Stimmen, er ist pure Lebensfreude. Funiculaaaa! Was für ein Schatz!

 

 

 

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“Silfäschter, Bettnäschter!…..

….hebs Bei zum Bett us!!!Auuuu… An diesem letzten Tag des Jahres 2011 bin ich alles andere als ein früher Vogel (höchstens früh nach Hause gekommen, via Kornhausbräu und Hirschen….). Die frühmorgendlichen Silvesterkinder hatten also allen Grund, mich “Ehemalige” zu verspotten.  Anno Tobak ist auch klein Bärbchen, Sandkastenfreund Daniel Pahud im Schlepptau, mit Pfannendeckeln und anderen Krachmachern bewaffnet um die Häuser der Hafenstadt gezogen. Diese Nacht blieb ruhig. Gibt es die “Silvesterler” noch in der Hafenstadt?

Gehört habe ich sie wirklich nicht, obwohl noch wach und zurechnungsfähig zwischen 4  und 7 Uhr früh. :-) Mich nimmt wirklich Wunder, ob der Brauch ausgestorben, verboten, oder dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der besorgten Altvorderen zum Opfer gefallen ist. In meiner Generation war Silvesterlen ein regelrechter Schulkindersport, ich hatte eine eigens gebaute Silvestertrommel aus einer grossen Ovomaltinebüchse und ja, ok, ein paar “Frauenfürze” hatten Dani und ich auch heimlicherweise mit dabei, trotz Verbot der Eltern. Nach der Runde von der oberen Migros, über die Promenadenstrasse rund ums Lehrerseminar, dann die Paradiesstrasse hinauf,  kam ich Rorschacherberglerkind jeweils todmüde wieder zurück ins “Rehgüetli”, reich beschenkt mit Guetsli und dem einen oder anderen Batzen. So wollte es der Brauch und so sangen wir in unserem Lied:

“Hüt isch Silfäschter und morn isch Neujohr,

gend mer doch au öppis zum guete Neujohr,

gend er mer nüt, so stooni do,

bis ehr mi heissed wiiter z’goh… “

Noch bin ich 12 Stunden als beamtete Schatzsucherin im Dienst, daher keine Sentimentalitäten bitte. Voilà, hier der letzte immaterielle Schatz der Hafenstadt.  Mit einem tanzenden Kind hat das Jahr begonnen, mit den kleinen, vielleicht ausgestorbenen Krachmachern, zu denen ich einst gehörte, beschliesse ich dieses Jahr. Diese letzte Schatzmeldung meiner Amtszeit widme ich meinem Sandkastenfreund Daniel Pahud. Er starb ziemlich genau vor einem Jahr, kurz vor seinem 36. Geburtstag, nach kurzer, sehr schwerer Krankheit. Die Fassungslosigkeit über seinen Tod hat mich dazu ein Jahr lang keine Worte finden lassen. Dani und ich waren als Kinder unzertrennlich und Rorschach war unser grosser Abenteuerspielplatz. Die Erinnerungen an ihn und unsere gute Zeit sind zum Glück unsterblich. Ich schicke dir einen Gruss in den Himmel, du fehlst. Dani, du fehlst so sehr. Danke für dein Dasein.  Dank der Erinnerungen an dich ist Rorschach stets ein Hafen der Ankunft geblieben- für mich. Man nennt das wohl Heimat. Deinen Lieben wünsche ich, dass sich in der unermesslichen Trauer- mit der Zeit- Inseln des Trosts finden lassen werden.

Rorschach, Stadt der Geschichten:

Als ich mich für die Stadtwanderung mit Corina Tobler vorbereitete, war der rote Faden schnell bei der Hand. Die Geschichten Rorschachs sind ein Netz, das immer dichter wird. All denen, die mir in diesem Jahr geholfen haben, dem roten Faden der Rorschacher Schatzsuche zu folgen, möchte ich ganz herzlich danken. Corina danke ich für das wertschätzende Portrait in der heutigen Tagblatt-Ausgabe, wirklich sehr gut geschrieben, touché! :-)

Ich freue mich sehr, den Jahreswechsel mit meinem Vorgänger Richard feiern zu können. Ab 1.1.2012 um 0. 00 Uhr werden wir beide Rorschacher Schatzsucher auf Lebenszeit sein. Auf die gemeinsame Arbeit im neuen Jahr freue ich mich ganz besonders. Denn unser Amt führten wir beide nie nur von Amtes wegen aus, sondern vor allem von Herzens wegen. Pantha rei, alles fliesst, sagt Heraklit. Richard und ich suchen weiter. :-)

Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch- und viel Zuversicht und Liebe im neuen Jahr.

Herzlich, Barbara

 

 

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“Krippalschaug’n” an Rorschachs Grenze

Da staunte mein angeheirateter Rorschacher Tiroler, als ich mich vor ein paar Tagen zur hier ansässigen Krippenbauerin aufmachte. “Krippalschaug’n”- der Besuch der Weihnachtskrippen- ist ein in Tirol gerne und ausführlich praktizierter Brauch, der, wie mir meine Schwiegermutter erklärte, vor allem zwischen Stefanstag und Neujahr praktiziert wird. Nun gibt es in den hafenstädtischen Rauhnächten einen virtuellen Rundgang durch Vreni Engler’s  Szenen aus dem Lukasevangelium.

Josef, Maria, Jesuskind, Ochs und Esel, die Engel… sind in diesen Tagen allgegenwärtig. Der älteste Festtagbrauch gehört auch in Rorschach zum fixen Inventar. Doch die Frau mit dem weihnachtlich passenden Nachnamen schafft in ihrem Atelier an der Seebleichestrasse- praktischerweise im Elektroinstallationsgeschäft ihres Mannes- wunderbare figurine Spektakel, die weitaus mehr erzählen, als nur die Weihnachtsgeschichte.

Krippenlandschaft im Guckkasten nach Tiroler Vorbildern

“Schau, hier gibt es einen Kraxenträger, den Polizisten, einen Wilderer, das Gericht”… Vreni’s Guckkastenkrippe ist voller Nebenschauplätze, die heilige Familie ist mitten in einen historisierenden ostalpinen Alltag eingebaut. Solche Landschaften kenne ich aus Markus’ Heimatdorf Zirl, wo sich in der Kirchenkrippe das halbe Dorf um den kleinen Buben im Stroh schart. Eine Ehre, wer als Hirt oder einer der drei heiligen Könige verewigt wurde… Eine aktualisierte Rorschacher Krippe wünschte ich mir von der begabten Gestalterin aufs nächste Jahr-  spannend, wie dies herauskäme… :-)

Bilderkrippe mit Gebirgsszene

Es kommt nicht von ungefähr, dass über die Jahrhunderte gerade die Gebirgsregionen besonders viel mit den Geschichten rund um die Geburt Jesu anfangen konnten. Sie bieten genug Identifikationsmöglichkeit durch die Hirten, die Armut der heiligen Familie, den Stall- und auch durch die Willkür der Obrigkeit (Volkszählung, dann die Ermordung der unschuldigen Kinder).  Daher wirken Vreni’s Krippen mitten im Rorschacherbergler Industriequartier fast ein bisschen wie alpenländische Findlinge, selbst eine “Engadiner Version” ist zu finden, mit Sgrafitti, einem hübschen Erker und einem geheimnisvoll ausgeleuchteten Malojaseeli.

Engadiner Krippe mit Malojaseeli

Zu meiner grossen Freude präsentierte mir Vreni einen ganz besonderen Schatz: Eine Bodenseekrippe, genauer gesagt eine Szene aus dem Rheindelta, die sie mit ihrem Krippenbauverein im benachbarten Höchst gestaltet hatte. Unser Ozean spielende, Länder verbindende See als Kulisse gefällt mir natürlich ganz besonders.

Die heilige Familie im Rheindelta

Riethof der "felsenharten Bethlehemiten", die keine Herberge geben wollten...

Neugierige Schafe am Seeufer

Hin zum Jesuskind: Rheindeltabewohnerin und ihre Kinder suchen den Weg durch das Riet.

Ob historisch belegbar oder nicht, die Weihnachtsgeschichte bewegt durch ihre schlichte Unmittelbarkeit und Symbolkraft. Auch wahrlich kirchenferne, unfromme Geister kommen nicht um sie herum. Irgendwie scheint die Botschaft ein journalistischer Daueraufmacher zu sein. Immer Brandaktuell.

Als Schatzsucherin formuliere ich daher ein paar Wünsche in die Rorschacher Rauhnächte:

Den Herbergsuchenden in unserer Stadt wünsche ich, dass sie gut ankommen mögen.

Den Kindern, dass sie im neuen Jahr von fröhlichen Engeln begleitet und beschützt werden.

Den Trostlosen ein wohlgesonnenes Licht, das ihnen im Herzen aufgehen möge.

Den Regierenden heitere Weisheit.

Uns allen Liebe, Mut und Vertrauen, dazu etwas eselische, stoische Widerstandsfähigkeit  und einen Stern, dem man gerne folgen will. :-)

 

 

 

 

 

 

 

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“Das war der Seelen wunderliches Bergwerk”…

…”Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.”(Rainer Maria Rilke: Orpheus, Eurydike, Hermes)

Seit gut einem halben Jahr kreuzen sich meine Fährten in der Hafenstadt mit Daniele Togni, der nun in der Rorschacher Schatzsuche als “Orpheus von Rorschach” die Sehnsucht zum immateriellen Schatz erklärt. “Mit meinen Abgründen passe ich aber schlecht in die Weihnachtszeit”, meinte er bei meiner Anfrage für das Portrait. Im Gegenteil, finde ich.  Unsere Geschichte hat an einem der warmen Sommerabende beim Raiffeisen- Beachevent begonnen. Mitten in der launigen Festgemeinde diskutierten Daniele und ich darüber, wie Gedichte und die  Musik die Fähigkeit besitzen können, als Rettungsbojen in der stürmischen “Seelensee” zu wirken. Seither bekomme ich immer wieder musikalisch-poetische Botschaften. Mir altmodischer “Klassiktante” erschliesst sich so eine neue Welt und ich freue mich über die wertschätzende Anerkennung meiner Anregungen zu Versmass und Harmonik.

Weihnachten ist per se das Fest der Hausmusik. Ich bin überzeugt, in der Stadt werden nicht nur auf dem Lindenplatz und bei den Vereinsfeiern die Instrumente entstaubt. Durch die Aktionen bei Fafnir unter der Linde und neben Schmied Zwissler’s Esse zeigt sich Rorschachs klangvolle Saite, pardon, Seite. Der Lindenplatz ist im Moment nicht nur Rorschach’s feuriges Zentrum, sondern auch auch das der Töne.

Das Dezember-Wissen- Magazin der deutschen “ZEIT”  widmet sich dem Thema “Wie Musik uns berührt”. Die Autoren bestätigen, was Daniele “Orfeo” Togni an sich selber erlebt. “Musik wirkt auf allen Ebenen des Gehirns, sie hat einen direkten Zugang zu den Emotionen”. Dann, wenn die Seele nicht von selber wieder aus der Unterwelt zurückfindet, hilft die Kunst des thrakischen Sängers. Musiktherapie soll gegen Depressionen helfen. Doch die Autoren warnen vor zu schnellen Schlüssen. Feste Therapievorgaben können nicht abgeleitet werden. Zwischen Mozarts “Kleiner Nachtmusik” und einem Aspirin bestehen doch gewisse Wirkungsunterschiede…

“Die Musik bedient also uralte Mechanismen unserer Psyche und spielt auf der ganzen Klaviatur der menschlichen Motivation” schreibt Birgit Herden weiter. Logisch- für Hörende. Auch im umgekehrten Sinne. Die Stadt Hamburg verwendet seit Jahren Mozarts Zauberflöte und andere Opernevergreens, um Obdachlose aus dem Bahnhofsbereich fernzuhalten. Ich weiss ich nicht, ob ich beleidigt sein soll oder beeindruckt. Viele Sportler nutzen Heavy-Metal-Musik, um sich auf Touren zu bringen, bei einer Reiterin auf dem Rütihof sind es die Schlager von Hansi Hinterseer, die sie ihren Alltag bewältigen lassen.

Vor kurzem erreichte mich ein Anruf von Stadtrat Guido Etterlin. Er bat mich, mich in der neuen Tiefgarage bei der Migros umzuhören. Die in frischem Grün gestrichene schöne neue Rorschacher Unterwelt und der wohl Kuschelambiente schaffen wollende Soundteppich verlinken mich unweigerlich mit den musikalischen Nebelseichtgebieten gewisser Fernsehsendungen. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Auf mich hat das ewiggleiche Dauergedudel die ähnliche Wirkung wie “der Hölle Rache kocht in meinem Herzen” auf unerwünschte Bahnhofsgäste in der Hansestadt. Ich muss Stadtrat Etterlin Recht geben. Musikalische Abwechslung wäre vielleicht sogar nutzungsfördernd. Oder- ein ganz heisser Tipp: Die Stille ist auch eine schöne Melodie.

Orpheus, Eurydike und der Götterbote Hermes. Relief in der Villa Albani, Rom.

 

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Geboren in Rorschach

Oder auch: Von einer Rorschacherin auf die Welt begleitet. Sandra Koblers Motivation, Hebamme zu werden, bringt sie dazu, bald zu einer der ältesten und archaischsten Berufsgattungen zu gehören. Das führt die Rorschacher Schatzuche zu den elementaren Lebensübergängen.

Laut Aussage von Stadtschreiber Bruno Seelos (im Tagblatt letzte Woche) werden die Zivilstandsnachrichten, dazu gehören die Geburten, nach wie vor publiziert. Jedoch, wie im Artikel erwähnt, wird wohl immer seltener zu lesen sein: “Geboren in Rorschach”. Statistisch bekam im Jahr 2010 eine gebärfähige Frau in der Schweiz 1,51 Kinder, der Kanton St. Gallen lag im guten Mittelfeld. Im Rorschacher Spital gibt es seit 2003 keine Geburtenabteilung mehr. Claudia Degani, Hebamme aus Goldach, verweist dabei auch auf das höhere Durchschnittsalter der gebärenden Frauen, die  eher die Spitalpflege in Anspruch nehmen, als eine Hausgeburt in Erwägung zu ziehen. Daher würde der Registereintrag “geboren in Rorschach” heute wohl fast einer kleinen Schatzmeldung gleichkommen, so selten wird er sein. Als ich auf den Marktplatz, im Coop und beim Nuggitreff junge Mütter interviewte, war ihr Fazit einstimmig: Die wirtschaftlichen Gründe, die zur Umstrukturierung der Spitallandschaft führten, können sie nachvollziehen- nur wen interessieren wirtschaftliche Gründe, wenn man unter den Wehen ist, sich eine Sturzgeburt abzeichnet, das Baby es einfach grundsätzlich pressant hat, oder die Angst vor Komplikationen einem den Atem nimmt?? Der Weg nach Heiden vor etwas mehr als drei Jahren war verdammt lang, auch wenn Hannah und ich noch zwei Tage lang- und den ganzen Hebammenturnus durch- versuchten, uns in natürlicher Weise voneinander zu trennen, dies ziemlich erfolglos. Gemeinsames Credo der Frauen: Wenn eine Geburtsabteilung da wäre, wären auch die Hebammen da. Nur hier liegt der Irrtum, den ich dank Sandra und Claudia aufklären kann. Die freiberuflichen Hebammen wären schon die ganze Schwangerschaftszeit an unserer Seite, man muss sie nur finden: Unter www.hebammennetz.ch ist auch unsere Region vertreten und liefert alle nötigen Informationen. Mein Fazit als  Frau, Mutter und Schatzsucherin: Den Hebammen ist ihr Beruf ins Herz geschrieben. Ich spüre deutlich, sie haben ihren ganz eigenen Groove, es geht irgendwie ein Zauber von ihnen aus. “Wenn ich meinen Beruf bekanntgebe, weiss ich mit Garantie, ob und wie die Frau mir gegenüber geboren hat- sie erzählen es alle”, berichtet mir Sandra. So sei es, wenn man als liebevolle, weise Pförtnerin bei den Lebensübergängen einer Frau dabei sein kann. Hier in Rorschach, der Stadt der Sinne.

 

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Jenseits von “Last Christmas”: Chlausezüüg in Rorschach

Wenn in den Supermärkten kurz nach dem Altweibersommer die Lebkuchen und Schoggichläuse ihre schleichende Landnahme beginnen, werde ich Weltmeisterin im Regalhopping. “Nur schnell weg”, lautet die Devise. Unsere Wohnung habe ich seit Jahren zur adventsfreien Zone erklärt. Ich gestehe, diese Jahreszeit überforderte mich mit Glanz und Gloria und ginge mir sowas von auf den Senkel- wenn da nicht die kleinen Weihnachtswunder wären.

“Adventus” damit gemeint ist die Zeit der Ankunft- auch die “staade”= stille Zeit genannt (unsere Nachbargemeinde erfährt rein lautmalerisch jedes Jahr in Tirol eine besondere Erwähnung… :-) ). Grundsätzlich wäre zu warten auf die Ankunft des Einen, der unser Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält, wie der Dichter Rilke es beschreibt. Hand aufs Herz, in der vorweihnachtlichen Warteschlaufe in der wir, fliegerisch gesehen, bis zur Landung beim Christbaum herumjetten wie die Düsentriebe, gerate ich in orkanartige Turbulenzen.  “Lass uns nach Dezember etwas abmachen, dann ist der Stress vorbei”, höre ich in den Tagen oft. Besinnlichkeitsstress?? Bei meinen Touren durch die Hafenstadt sehe ich, wie liebevoll dekoriert und beleuchtet wird, die Adventskalender- Aktionen am Lindenplatz geplant werden, der legendäre Chlauseinzug, die Konzerte, an denen ich selber teilnehme, die Kindergarten- und Schulaufführungen… Liebevoll, schön zelebriert. Es ist gut. Es ist viel. Es scheucht mich mit schlechtem Gewissen hinter die Notenblätter.

Ich erinnere mich, wie die Paradiessstrassen-Oma mit mir “Sternlifahrten” in ihrem alten DAF unternommen (als Pendant zu den “Blueschtfahrten”) und eine kleine Ewigkeit lang die so lebensechte Krippe in der Jugendkirche bestaunt hatte, Ochs und Esel inklusive, anschliessend obligate Einkehr im Café Schnell. Hannah und Oma Hildegard halten es 34 Jahre später ähnlich, mit Toyota und Einkehr wo auch immer. Es muss feste Bräuche geben.

Ich bin ein Adventsmuffel, jawoll. Aber diese Erinnerungen möchte ich nicht missen. Und auch in diesem Jahr habe ich mein kleines, persönliches Weihnachtswunder gefunden: Bei der Firma Mazenauer an der Signalstrasse steht seit Jahr und Tag ab 1. Dezember ein Original Appenzeller Chlausezüüg. “Es ist Chefsache, den Lebkuchenturm aufzustellen”, erklärte mir eine Mitarbeiterin.

 

Rorschachs kleine Appenzeller Seelenecke: weihnächtliches "Chlausezüüg" bei der Firma Mazenauer.

Die “Chlausebicklig” genannten Lebkuchen sind mit Szenen aus dem ländlichen Alltag der Landschaft am Säntis versehen, in ihrer typischen Chuereihen-Art. Von befreundeten Musikanten weiss ich, dass bei vielen Familien  im Innerrhodischen noch heute das Chlausezüüg den Christbaum ersetzt und dann nach Weihnachten einträchtig verspeist wird. Da stehe ich also zwischen Tapetenmustern und Vorhangvorlagen an der Signalstrasse 17 und erlebe meinen persönlichen Adventszauber. Die zuckrigen Szenerien seien über zwanzig Jahre alt, lasse ich mir erklären. Ein Innerrhodisches Senntum mitten in der ehemaligen Industriestadt Rorschach und das bei einem Rorschacher Traditionsgewerbler. Da haben wir das Zauberwort Tradition… Senior Mazenauer foutiert sich um den Zeitgeist, sein L.E.D.- freies Chlausezüüg (dem Glitzermainstream lediglich durch die Lametta folgend) ist eine Reminiszenz an die Gebräuche seiner Herkunftslandschaft. Einer davon hat daher  in der st. gallischen Hafenstadt einen schönen, unspektakulären Nistplatz gefunden. Laut Roland Inauen, Chef des Museums in Appenzell, wird ein Brauch dann zur lokalen Tradition, wenn über 20 Jahre lang eine praktizierende Konstanz feststellbar sei. Fast könnte man meinen, in den Gassen des Schmelztiegels Rorschach ein leises, einheimisch werdendes Adventszäuerli zu hören, freue ich mich. “Kulturelle Identitäten werden bestimmt durch die Nähe und Ferne zu den Anderen, durch Vorstellungen von Intimität und Fremdheit“, so beschreibt der Schriftsteller Peter Bieri alias Pascal Mercier  den Begriff in seinem Buch “Wie wollen wir leben”. Senior Mazenauer schenkt mir und allen Rorschacher “Hääweh-Appezölle” mit seinem brötigen Brauchtum eine schöngestaltete, stille, eben “staade” Vorfreude auf Weihnachten. Mein liebster kultureller Weihnachtsimport. Jo welewäg! :-)

 




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Magie im Ohr

“Fürwahr, er muss ein Zaub’rer sein”… So sind sich Dichter Weisse und Komponist Mozart  in einem schelmischen Liedchen einig. Durch das im Kornhausmuseum neu installierte Hörkino findet die Magie im Ohr nun mitten in Rorschachs Wahrzeichen statt.

Noch sind es genau sechs Wochen und drei Schatzsucher -Geschichten, bevor mein Jahr als städtische Angestellte mit “besonderem Auftrag” beschlossen sein wird. Ganz ehrlich, ich habe den Posten sehr lieb gewonnen (Frau Camenzind, keine Sentimentalitäten bitte!). Natürlich freut es mich, dass durch den Umzug des Hörkinos einer der mir besonders lieb und teuer gewordenen Geschichtenfäden eine so schöne letzte Verknüpfung findet. Die Auseinandersetzung mit der “Stadt der Menschenbildungsberufe” ist in der Tat mein ganz besonderes Baby. :-) Die leise Kritik an der verloren gegangenen Verbindung der PHSG hinunter ins Städtli kann ich also mit dieser Schatzmeldung als revidiert ansehen, auch wenn ich mir natürlich wünsche, dass die Studierenden von Auswärts uns “Stadt-der- Sinne-Bewohnende” vermehrt nicht nur als “irgendwie hier existierendes Paralleluniversum” wahrnähmen. Siehe Blogeintrag “die verbleibenden Nistplätze”. Hey, es lebt sich ganz gut hier, man muss nicht immer gleich wieder verschwinden, wenn der Unterricht fertig ist!

Hörkino- all you have to do is listen (Foto Werner Hangartner, PHSG)

Ich bin überzeugt, die “Gärtner” im kleinen Garten Eden Stella Maris, Werner Hangartner, Bruno Günter und Gerd Oberdorfer teilen Robert Schumanns Erkenntnis  vorbehaltlos: “Es ist des Lernens kein Ende”. Egal für was, egal in welchen Bereichen, wir sind immer in der Lage, die Perspektiven zu wechseln, den eigenen Horizont zu versetzen, vorausgesetzt, wir  wollen es. Grundsätzlich halte ich Stolz für eine  überflüssige Gefühlsregung, doch die findigen Geister des RDZ’s lehren mich eines Besseren. Ich bin stolz darauf, dass sie in unserer Stadt der Menschenbildungsberufe als Gourmetköche in der Bildungsküche zaubern, indem sie Authentizität vermitteln und der “Macdonaldisierung der Wahrnehmung” mit Witz und Sinn entgegen treten. Gerd Oberdorfer hat mir erzählt, dass die “Lerngärten zur Erfahrung aller fünf Sinne” dann jeweils nach Abschluss der Projektarbeiten  im Kornhausmuseum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ich freue mich schon darauf, mit Hannah durch den aktuellen Lerngarten rund um das Thema ” Faszination Steine” zu tigern, der im Moment im Stella Maris in Betrieb ist.

Klangstein im Lerngarten "Faszination Steine"

Noch mehr Schätze... :-)

Die Sängerin Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou, die nicht nur eine Jahrhundertstimme besass, sondern auch einen scharfen Verstand (und im Hörkino die kurze und knappe Anweisung gibt “all you have to do is listen”), lässt  der amerikanische Autor Terrence McNally in seinem Theaterstück “Callas- Meisterklasse” zu einer Gesangsstudentin sagen: “Avanti, avanti! Das Theater ist nichts für Leute, die in einem Elfenbeinturm sitzen!” In den Szenerien der Hafenstadt ist die Bildung drauf und dran, zum Publikumsliebling zu werden. Danke, pädagogische Hochschule.

 

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Paralleluniversum Rorschach- oder die Suche nach blinden Flecken.

“…there are more things in heaven and earth, Horatio, than dreamt in your phantasy.” Die Zitatenschleuder in mir hat sich wohl als erste aus dem Grippedelirium befreit. In Rorschach existiert mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt, frei nach Hamlet. Esoterisches nun auch in der Schatzsuche? Danke, nein. Das sei den Hühnern überlassen. Es geht um sinnlich verstandene Tiefenschärfe.

Zur Vergrösserung Bild anklicken!

Gute zehn Tage befand ich mich, um im Kontext von “Stadt als Bühne” zu sprechen, in einer neuen “Schule der Wahrnehmung” in Sachen Schatzsuche. Bei der Recherche zum “Hotel Fledermaus” geschah eines der kleinen grossen Wunder im Rorschacher Alltag. Im  Paralleluniversum der Fledermäuse, schatzsucherische Repräsentanten der verborgenen Welt der Wildtiere, begegnete mir Dominik Bärlocher als  “Stadtgeschichten- Erzähler”, der gerne auch mal etwas exzentrische Girlanden windet (Siehe: Jeffrey, the Bat).  Der Perspektivenwechsel, grundsätzlich eine weitere Vorzeigetugend der feinsinnigen Flatterer vernetzte uns mit den Studierenden der Fachhochschule für Soziale Arbeit, die in ihrem ES- Modul “Sozialraumtag” eine eigentlich unlösbare Aufgabe bewältigen mussten. “Der blinde Fleck. Eine fotografische Herausforderung”, beauftragte die 102 Studierenden, das Unsichtbare in der Hafenstadt zu fotografieren. Die Bilder wurden mir zu treuen Händen übergeben, als Fährten zu weiteren immateriellen Schätzen. Was soll das Ganze, kann man sich zu Recht fragen: Im täglichen, sehr materiellen Überlebenskampf muss man jetzt also auch noch Platz für solche Spinnereien haben, oder was? Bärlocher beschreibt die Quintessenz in seinem Artikel treffend, indem er eine Teilnehmerin zitiert:«Wir wurden angehalten, über Gartenzäune zu klettern», sagt sie. So seien Kontakte entstanden, die sonst nie zustande gekommen wären.

Spiegelungen: Variationen der Wahrnehmung zwischen den Welten.

Der Sprung über den Gartenzaun eröffnet neue Perspektiven und manchmal auch eine handfeste Auseinandersetzung :-) . Doch die Studierenden waren nicht unterwegs, um kollektiv Hausfriedensbruch zu begehen, sie haben der Stadt Rorschach ihre ganz persönliche ironisch- poetische Wertschätzung entgegen gebracht. Die Schnappschüsse sind spektakulär still. Eine Gruppe Pilze, die sich den Teer einer Parkplatzecke wie bei einer Landnahme erobert. Wege, die ins Nichts führen. Ein Kranseil zum Himmel. Gittergeflechte und immer wieder Spiegelungen. Die Studierenden erzählten von ihren Begegnungen auf Bilderfang: Lebensgeschichten wurden vor ihnen ausgebreitet, sie wurden freundlich in Gärten hineingebeten. Blinder Fleck Misstrauen? Fehlanzeige. Die Ideen der “Weisen des sich immaterialiserenden Alcan- Gebäudes”, Dani Fels, Mark Riklin, Nora Brack, Selina Ingold und Patrik Riklin zeigen: Innere Offenheit öffnet Tür und Tor für Sinn-Volles. Doch da ist noch unendlich viel mehr zu entdecken.

Himmelskran baut Luftschloss? Rorschach als städtisches Chamäleon.

Grossbaustelle Rorschach. Diese Tage eröffnet die neue Migros, schon hat sich meine Mutter an die neue Tiefgarage gewöhnt und möchte sie nicht mehr missen. Vor meinem Küchenfenster wächst das Würth- Gebäude in den Himmel, Hannah kommentiert fasziniert das Kran- Ballett. Jetzt schon ist der Ausblick auf die Altenhreinspitze der meiner Erinnerung. Wehmut? Vielleicht ein bisschen, das Auge ist ein Gewohnheitstier und Rorschach ein Chamäleon. Schon bald werden uns die  Neuerungen nicht mehr auffallen, werden zu blinden Flecken. Auch schenkt uns die Aktion der Studierenden eine weitere Wertschätzung: Sie entlässt uns aus dem Zwang, ständig nach neuen visuellen Reizen zu suchen, ständig zu hoffen, dass die Zukunft uns mehr Standortvorteile, Prestige oder Spasskultur bringt, bei gleichzeitiger Befürchtung, dass es auf der grüneren Seite “wo auch immer” grüner sein könnte. Die strukturellen Neuerungen in der Hafenstadt sind wichtig und richtig, doch der Blick auf das Unsichtbare, fotografisch festgehalten zeigt, dass es tatsächlich noch mehr gibt, zwischen Himmel und Erde. Wer’s nicht erfühlt, wird es wohl nie erjagen.

Strauchdieb oder Liebespaar auf der Bank?

Anhand des Bildes der baumverdeckten Parkbank lässt sich das gut veranschaulichen: Je nachdem, wie man dieses Bild betrachtet, könnte man auf dem unsichtbaren Stück Bänkli einen Strauchdieb vermuten oder ein Liebespaar. :-) Das  Himmelskranseil gemahnt wohl manchen alten Rorschacher daran, dass über kurz oder lang vieles nicht mehr so sein wird, wie früher. Jemand anderer würde eher neckische Luftschlossbauer am See vermuten….

So by the Way, die statische Ruhe der Bilder erinnert mich irgendwie an die Zeit, als die Fotografie noch jung war. Auf dem Bild von 1909, aufgenommen auf der Terrasse des Restaurants “Schweizerhof” posieren Arnold Riederer, Lokführer, passend vor der Rorschacher SBB-Berglinie und seine Frau Frida mit ihren drei Hunden. Die Aussicht ist heute noch fast gleich, Rorschach ist doch nur partiell ein Chamäleon. Diese Bilder waren ja alles andere als Schappschüsse, doch auch sie sind voller blinder Flecken. Die kleine Bezifferung stellt klar, dass nicht meine Urgrosseltern selig hier die Hauptrolle spielen, sondern die drei Hunde. Warum wohl? Was sich Fotograf Staub von der Eisenbahnstrasse beim Fototermin mit den drei Kläffern gedacht hatte? Wie gerne würde ich dazu eine Geschichte erfinden, eine Szenerie, als Rorschach noch die stolze Stadt der eisernen Dampfrösser war.

 

Unveränderte Aussicht mit Hund und die verschwundene Geschichte. Im Schweizerhof vor 101 Jahren.

Der letzte Streich der FHS in Sachen Rorschach hat ein kurzes Innehalten in meiner Schatzsuche verursacht. Diese Bilder und ihre (möglichen) Botschaften liessen meine Worte bremsen, dies nicht nur grippebedingt. Fazit: Ich plädiere dafür, dass alle Bilder dieser fotografischen Herausforderung der Rorschacher Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ich würde mir wünschen, dass dann das darauf abgebildete “Unsichtbare” von Geschichtenverliebten und Brandmauernüberfliegern neu gesehen und erzählt wird. So funktioniert die wahre Tiefenschärfe des Herzens. Ich helfe gerne bei der Umsetzung!


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Der Geist und das Ding an sich

…oder der Zweck heiligt die Mittel. Rorschach und seine Umgebung scheinen das Tummelfeld herzlicher (Alltags-) Philosophen beiderlei Geschlechts zu sein. Beweise? Liefere ich ihnen gerne.

Gabriel, Schatz Nr.1 in diesem Jahr, mit einer legendären Etter'schen Mäuseguillotine...

Der Geschichtenabend “Dingfest”, bei welchem fünf Mannsbilder den “Rorschacher Geist der Dinge”, die sie mitgebracht haben, beschwörten, war ganz einfach wunderbar und gelungen. Doch bei dieser Gelegenheit ist es längstens einmal angebracht, einem weiteren Mitglied der schreibenden Zunft ein kleines Kränzlein zu winden. Die Journalistin Lea Müller ist stets zur Stelle, wenn in der Hafenstadt die Sinne die Szenerie für sich einnehmen. In ihrer feinziselisierten Sprache, der treffenden Auswahl ihrer Themen lohnt es sich, ihre Geschichten mehr als einen Tag aufzuheben. Sie ist die einfühlsame Geschichtenspürnase der Stadt der Sinne, natürlich hat sie sofort den lockenden “Käse” gerochen, der von Paul Etter’s Mausefallengeschichten ausgingen… :-) Herzberührende Tatsachen, auf die macht sie Jagd. Schon ziemlich philosophisch, finde ich. Lea’s Artikel: “Mäuse dingfest gemacht.” Ihr widme ich François Villon’s Mäusegedicht, wenn auch nicht im Blog direkt zitiert. Villon war ein französischer Dichter des späten Mittelalters und in seinem Leben und seinen Worten wohl wenig alltagstauglich sehr skurril und exzessiv. Ich weiss, Lea, du wirst mich verstehen, denn die Geschichten der Mäuseguillotinen waren ja auch schon schräg genug- es soll nur von denjenigen gelesen werden, die es wollen. :-)

Der Rorschacher Nebel hat heute wieder einmal alles gegeben, passend zu Allerheiligen- die Nacht der Geister, in den angelsächsischen Ländern Halloween genannt, ging in Rorschach meines Wissens ziemlich unspektakulär über die Bühne. Die Eier an der Hausfassade hatten wir letztes Jahr. Dominik Bärlocher entlarvt das “Ding an sich” hinter diesem importierten Brauch in seinem heutigen Artikel “This is not Halloween”. Ich meine, zu jammern, das sei kein mitteleuropäischer Brauch wäre irgendwie auch verfehlt, denn Gallus und Kolumban kamen meines Wissens auch aus Irland, um die hier anwesenden Alemannen zu christianisieren, mehr oder weniger freiwillig… Nur hat Dominik  meiner Ansicht nach absolut recht, wir müssen uns auch nicht von nicht namentlich genannten Grossverteilern diktieren lassen, welche Feste wir zu feiern haben. Gut gebrüllt, Löwe Bärlocher.

Rorschacher Journalist seziert treffend "das Ding" hinter Halloween...

Wenn wir schon bei den Geistern sind,  Gespenstergeschichten sind mir in diesem Jahr einige zu Ohren gekommen, aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Das machen gute Gespenstergeschichten ja auch aus. In diesen Tagen, in der die Kluft zwischen Toten und Lebendigen etwas weniger weit zu sein scheint, wäre auch der Tod  sinnlich heiterer erfahrbar, wie beispielsweise in Richard Strauss’ wunderbarem Lied “Allerseelen” nach einem Text von Hermann von Gilm:

“Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei,
Und laß uns wieder von der Liebe reden,
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke,
Wie einst im Mai.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei,
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.”

Der  Stadt- am- See- Philosoph Raffaele F. Schacher definierte heute in seinem Leserbrief im Tagblatt (natürlich treffend korrekt) die Bedeutung  des Wortes “Ding”: Im Altnordischen eine Versammlung. In der Tat haben sich einige wahrlich “Hafenstadtliebende” letzten Freitag bei “Dingfest” im Schnell getroffen. Das ist gut so. Bitte weitermachen. Und so by the Way, wer von mir den ganzen Witz hören will, warum der Komponist Johann Sebastian Bach über 20 Kinder hatte und der Philosoph Immanuel Kant keine, der lade mich auf ein Glas Wein ein und dem- oder derjenigen erzähle ich die (zugegeben nicht ganz jugendfreie) Erkenntnis gerne “Face to Face”…

 


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“Von innen brennt es- ohne dass man’s aussen sieht”…

… oder nachgefragt: Was hat es auf sich mit der Alchemie der Liebe in der Hafenstadt? Ursula Seitz und ihre Kolleginnen vom Bäumlistorkel- Kiosk scheinen zu beweisen, dass der Mensch tatsächlich nicht “vom Brot allein” zu leben scheint. Ihr Kiosk der Herzlichkeiten, wie im Artikel vom Samstag 22. Oktober portraitiert, nutzt als “Währung” die so einfachen, wie schwer fassbaren Grundsätze der Menschlichkeit.

Ursula Seitz und ihr "Kiosk der Herzlichkeiten"

Wildfremde Menschen schütten Ursula Seitz das Herz aus. Ihre Stammgäste frieren sich die Füsse blau im Winter. Dies nicht, weil ein Kaffee oder das Dosenbier bei ihr günstiger ist, als in einem Spunten um die Ecke. Hans und Jörg kommen sogar von ausserhalb her, um bei ihr einzukehren. Einkehren, “eine Einkehr finden”, bei sich ankommen heisst, Erkenntnis gewinnen.  In einem wertschätzenden Gegenüber kann jeder zum Alchemisten werden. Moment: Alchemie hat nichts mit hirnrissigem Hokuspokus zu tun, auch nicht mir dem wohl hoffnungslosen Versuch, aus Destillaten und Extrakten Gold zu gewinnen (im glücklichsten Fall entstünde bei so einer Aktion hoffentlich geistreiches “Selbstgebranntes”). Ein wahrer Alchemist, so lehrte mich am letzten Dienstag der Goldacher Philosoph und Privatgelehrte Raffaele F. Schacher, ist gewisser Form ein Erkenntnis Suchender. Schön und gut, klingt weise wie Sarastro in der Zauberflöte, doch was könnte das bedeuten? Im Bäumlistorkel- Kiosk- Universum bedeutet “Erkenntnis”: Erkenne dich im Anderen. Anteilnahme. Empathie. Jeremy Rifkin, Autor des Buches “Die empathische Zivilisation” (Campus 2008) widerlegt nicht unbedingt Darwins Theorie des “Survival of the Fittest”- das Überleben des Stärkeren- sondern zeigt auf, dass das menschliche Hirn durch die Verwendung von “Spielgelneuronen” uns in die sehr vorteilhafte Lage versetzen kann,  sich in Situationen einzufühlen und sich auf andere Menschen einzulassen. Das Überleben basiert in Rifkins Erkenntis daher nicht auf dem “Recht des Stärkeren” sondern auf der Beziehungsfähigkeit, den sozialen Kompetenzen. Was nicht heisst, dass man als “liebe Siech” sich stets ausnehmen lassen muss wie eine Weihnachtsgans, um in der Evolution ein paar Sprossen weiterklettern zu können. “Bin i gopfridstutz än Kiosk, oder bin i öppene Bank”, sangen in den Siebzigern die Mundartrocker “Ohrewürm”- so  nicht, in der Tat. :-)   Auch Kioskfrau Ursula weiss um den Gegenwert ihrer Anteilnahme, aus ihren Erzählungen spürte ich gut heraus, wie es sie stärkt, wenn man ihre Wertschätzungen zurückspiegelt, die sie aussendet.

“Rorschach, Stadt der Sinne” wurde durch Mark Riklin im Buch “Stadt als Bühne” proklamiert. Im Kiosk Bäumlistorkel manifestiert sich die Alchemie der Nächstenliebe in einer total guten, unspektakulären Art und Weise. Es liegt an uns allen, die Liebe als zutiefst menschliche Eigenart im hafenstädtischen Alltag wertzuschätzen, als innere Flamme und Lebenselixier. Um zum Schluss Rorschach’s italienische Seele noch einmal zu Wort kommen zu lassen: Der italienische Notar und Dichter Giacomo da Lentino beschrieb die Kraft der Spiegelung der Gefühle vor 800 Jahren so:

Der Pfeil der Liebe trifft

lässt eine Wunde die sogleich Feuer fängt.

von innen brennt es- ohne dass man’s aussen sieht

Wenn so ein Herz aufs and’re trifft

und sie die Kunst der Liebe für sich fängt

dann ist’s, dass einer am andern erst die Liebe sieht.

(Übersetzung:  Raoul Schrott, aus dem Buch: Die Erfindung der Poesie, DTV, 1997)





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