Schatzsucher Rorschach

Der Blog des vermutlich 1. offiziellen Schatzsuchers der Welt

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Bewerbungsverfahren

An der Schwelle zum Traumjob
(St.Galler Tagblatt vom 9. Dezember 2008)

Heute Abend ist es soweit: Der Stadtrat wählt den Rorschacher Schatzsucher. Bereits am Donnerstag soll er der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Aus den Aufzeichnungen von Mark Riklin, Mitglied der Bewerbungskommission.

„Es gibt sie also doch noch, diese Situationen, wenn einem am Morgen fast das Tagblatt aus den Händen fällt”, ist in einem Rorschacher Blog zu lesen. Als der Blogger und spätere Bewerber im Tagblatt vom 19. November 2008 die Ausschreibung der Schatzsucher-Stelle liest, bekommt er fast feuchte Augen: „Endlich beginnt das zu gedeihen, was dieser Stadt so verdammt gut tut.”

Berlin, München, Bonn
Offensichtlich ging es noch anderen so. Nicht weniger als 37 Bewerbende haben bis Mittwochnacht in der Stadtkanzlei ihr Empfehlungsschreiben hinterlegt, dank Südwest-Funk und Süddeutscher Zeitung gar vier aus Deutschland: eine Archäologin des Wissenschaftskollegs zu Berlin, die sich mit Raub- und Schatzgräbern beschäftigt; eine freie Reisejournalistin aus München, die Rorschach darin unterstützen möchte, die gehobenen Schätze als Buch zu veröffentlichen; ein studierter Betriebswirt aus Nordrhein-Westfalen, der von seiner Frau Gemahlin als „weltbester Schatzsucher mit aussergewöhnlichem Orientierungsvermögen” portiert wird; sowie ein promovierter Politikwissenschafter aus Bonn, der sich vorausschauend bereits jetzt als Stadtspiele-Entwickler für ein Nachfolge-Projekt bewirbt.

Unsichtbare Tinte
Eine engere Auswahl aus acht Bewerbenden, die zumindest eine Nähe zu Rorschach haben, bekommt die Chance, die Bewerbungskommission von ihrer Eignung zu überzeugen. 24 Stunden vor dem Gesprächstermin ereilt die Ausgesuchten die Aufgabenstellung, einen ersten Schatz ausfindig zu machen. Zutritt zum Rathaus sollte sich nur verschaffen, wer bereit ist, ein erstes Fundstück zu offenbaren. Eine Art Schatzsucher-Assessment en miniature.
Bereitwillig öffnen die Schatzsuchenden „in spe” ihre Schatztruhen. Ans Tageslicht kommt u.a. eine unbekannte Rorschacher Sage über Kröten, die nachts ihr Unwesen treiben; die Lebensgeschichte des letzten Drechslers in Rorschach, mit unsichtbarer Tinte geschrieben; Hufnägel aus der letzten Schmiede der Stadt, einem schützenswerten Handwerk; eine Tonaufnahme des Glocken-Geläutes am Silvesterabend; ein Hochbett mit Seesicht oder eine Schatztruhe mit gläserner Oberfläche, auf der sich die Schätze der Stadt spiegeln.

Mystische Stimmung
Der eine Schatz sei zu schwer, um ihn herzutragen, bittet ein Bewerber um Verständnis. Worauf die Bewerbungskommission dem cand. Schatzsucher in der Dunkelheit auf den Friedhof bei der Kolumbanskirche folgt, wo im Schein einer Taschenlampe das Geheimnis gelüftet wird, wie es dazu kam, dass das Kruzifix seit Jahren im Gras liegt.

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